Sommer im Winter in Spanien

0o3a7080Unser Surftrip durch Europa soll der Abschluss der Reise sein. Spanien als Bindeglied zwischen ganz weit weg und immerhin schon Europa. Frankreich als langsame Rückkehr in die heimatlichen Gefilde. Portugal als Eingewöhnung an die oft launischen europäischen Surfbedingungen. Es kommt anders. Spanien wird einer der Höhepunkte unseres Reisejahres. Danach wollen wir erst recht nicht zurück nach Deutschland.

Erstmal befreien wir unseren VW-Bus aus der dunklen Garage, in der er ein Jahr lang auf uns warten musste, während wir uns am anderen Ende der Welt mit fremden Autos vergnügt haben. Aber Axel ist kein nachtragender Bursche. Ohne zu Murren fährt er uns nach Frankreich, ins Landhaus von Mama und vom Stiefvater. Im Vergleich zu unserem Dragon erscheint uns Axel wie eine Villa. Der ganze Platz im VW-Bus kommt uns luxuriös vor. Geradezu verschwenderisch. Da muss eine Küche rein! Mit Schubladen, Waschbecken, Kühlschrank, das volle Programm.

img_5754Wir sägen. Der kartoffelförmige Bauer von nebenan schaut auf dem Traktor vorbei und überzeugt sich davon, dass die petite Charlotte gar nicht mehr so petite ist. Wir bohren. Die Pferde vom Nachbarn lieben es, wenn wir sie auf unseren Joggingrunden mit Gras füttern. Wir schleifen. Jeden Abend wird der Weinkeller ein bisschen leerer. Wir schrauben. Jeden Mittag gibt es Auflauf, was wir nach einem Jahr Backofenlosigkeit einfach großartig finden. Wir schreinern eine Küche in unseren VW-Bus.

Eines Abends zeigt uns die Wellenvorhersage, dass jetzt Schluss sein muss mit dem Landleben. Wir legen noch einen Zahn zu und werden rechtzeitig mit dem Ausbau fertig. Na ja fast. Haken und Ösen können wir unterwegs anbringen und auch den Wasserhahn installieren. Aber jetzt wollen wir surfen. Viva España!

Unsere erste Surfsession in Europa ist traumhaft. In el Brusco, Kantabrien, regt sich kein Lüftchen, die Wellen brechen so makellos als seien sie aus Öl. Kein Tropfen tanzt aus der Reihe. In San Vicente de la Barquera ist der Wind zwar ungünstig, aber der Kaffee kostet immer noch ein 1 Euro, die Kellnerin ist dieselbe wie seit jeher und irgendjemand füttert immer den Spielautomaten in der Ecke der Bar.

Schließlich erreichen wir Galizien. Diesen nordwestlichen Zipfel von Spanien werden wir sechs Wochen lang nicht mehr verlassen. Warum nach Portugal weiterreisen, wenn wir hier grandiose Wellen finden? Wenn wir in malerischen Buchten ungestört direkt am Strand übernachten können? Wenn es Sommer ist mitten im Winter und das Leben im Bus nie schöner war? Wenn das Gras grün ist, das Meer türkis, die Delfine grau und das Leben rosig?

D0o3a3312-2as Wasser mag kalt sein. Es ist kalt. Wir surfen eigentlich immer mit Neoprenhaube, -stiefeln und manchmal sogar -handschuhen. Aber bei strahlendem Sonnenschein ist das alles nur halb so wild. Und wir sind durchaus bereit, ein paar taube Zehen in Kauf zu  nehmen, wenn wir dafür ganze Landstriche dieser zerklüfteten Küste oft ganz für uns alleine haben.

Wenn wir Menschen treffen, sind das herzerwärmende Begegnungen. Da ist Pepe, der jeden Tag seine Kuh spazieren führt. „Was soll ich mir einen Hund halten?“, fragt der alte Mann aus Pantín. „Mit meiner Kuh steche ich heraus. Auf meine Kuh werde ich angesprochen. Durch meine Kuh habe ich Kontakte zu allen möglichen Menschen. Ich will doch nicht den ganzen Tag alleine zuhause sitzen.“

Da sind Maria und Livirio, die ihr Leben im Dienste eines Millionärs in München verbracht haben. Sie schwärmen von Deutschland mit dickem spanischen Akzent und servieren uns bayerische Weihnachtsplätzchen in ihrem Haus in Camelle – unsere einzige Erinnerung daran, dass eigentlich Winter ist.

Da ist Raul, der jeden Mittag mit seinem Hund Ruski bei uns am Bus vorbeispaziert und schließlich eine Spritztour mit uns macht, um nach einem Haus für uns in der Gegend zu suchen.

Da ist Toni, der kleine Hipster mit dem großen Schnauzer, der sich als Shaper von Retro-Boards unter dem Namen El Cormoran etablieren will und unser Longboard repariert.

Da ist Neo, das kleine Kätzchen, das es sich in unserem Bus gemütlich macht. Seine Besitzerin bringt uns Apfelküchlein vorbei. Dass wir praktisch vor ihrem Küchenfenster campen, scheint sie eher zu freuen als zu stören.

Überhaupt: Das Leben in Spanien ist leicht. Obwohl es eigentlich schwerer ist als in Deutschland. Wo wir auch sind, es gibt immer diese eine Bar, die den Winter über geöffnet bleibt und das Wohnzimmer des Dorfes ist. Die alten Männer spielen Karten, es geht hoch her am Stammtisch. Die Bedienung bietet der gesamten Bar alle naslang Tapas auf runden Tabletten an, die man weder ausschlagen noch bezahlen darf. Fernseher und Radio konkurrieren um Aufmerksamkeit. Am Tresen wird getrunken und diskutiert.

Als ein großer Swell angesagt ist, fahren wir zu einer Welle an der Westküste Galiziens, von der Markus seit Jahren träumt. Einmal hat er sie gut erwischt, damals, als er ein paar Monate lang bei Vigo gelebt hat. Diesmal dürfen wir sie (Codename: Zahnarztinsel) gleich mehrere Tage lang surfen. Bei Sonnenschein, bei Regen, im Hagelsturm, unter einem leuchtenden Regenbogen. Unser Glück schmeckt salzig.

0o3a4032-3Dann treffen wir Bobby, der auch in einem weißen VW-Bus lebt und auf der Suche nach Wellen ist. Der Brite ist einer der stylishsten Longboarder, die wir je gesehen haben. Wenn Bobby surft, tanzt er. Im Bus hat er eine Kollektion von Vintage-Surfboards und -Kameras, selbst geschnitzter Holzlöffel und selbst gezimmerter Regale. Bobby ist Fotograf. Eigentlich wollte er ein Fotoprojekt über die galizische Costa da Morte machen, die Küste des Todes. Aber das Wetter ist viel zu gut. Und die Wellen auch. Tagsüber laufen wir in kurzen Hosen und T-Shirts herum. Bobby ist flexibel und beginnt ein anderes Projekt zum Man de Camelle, einem deutschen Einsiedler und Künstler, der in Galizien gelebt hat und nach der Ölkatastrophe der Prestige gestorben ist. An Trauer über die zerstörte Natur, sagen die Einheimischen. Abends sitzen wir zusammen am Lagerfeuer und erzählen den Sternen über uns Geschichten.

0o3a4415-2Dann kommt Chrosso uns eine Woche lang besuchen. Alles, was schiefgehen kann, geht erstmal schief. Chrosso verpasst den Flieger in Stuttgart. Schließlich kommt er an, seine Boardbag aber nicht. Die soll uns am nächsten Tag gebracht werden. Was ist die Adresse, bitte? Schwierig, wenn man im Bus wohnt. Wir geben die Adresse dieser einen Bar im Dorf an und gehen erstmal surfen. Zu dritt im Bus wohnt es sich fantastisch. Chrosso kriegt das Penthouse aka das Hochdach. Tagsüber sind wir eh die ganze Zeit am Strand. Das Thermometer klettert regelmäßig über 20 Grad.

In ein paar Tagen ist Weihnachten. Wir sind jetzt über ein Jahr unterwegs. Spanien hat uns die Rückkehr nach Deutschland leider überhaupt nicht erleichtert. Eigentlich würden wir gerne hierbleiben. Doch eines Morgens wendet sich Axel unwillig nach Osten. Und die Heimfahrt beginnt.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s