Der Schlüssel zum Glück in Nordkalifornien

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Es ist gut, einen Surfguru in Kalifornien zu kennen. Bisher waren alle Tipps unseres Freundes Gabriel Gold wert. Auch in Montaña de Oro, auf unserem Weg gen Norden, finden wir ein paar grandiose Wellen. Außerdem schließen wir Freundschaft mit einer Rasselbande Waschbären, die nachts unser Auto umschleicht und auf den Surfbrettern herumtanzt.

Ein paar Kilometer weiter, in Morro Bay, müssen wir eines unserer Longboards zu Grabe tragen. Es bricht in zwei, als Markus’ einen richtigen Männer-Turn hinlegen will. Monatelanges Backen in der Wüste im 50 Grad heißen Drachen hat dem Brett wohl nicht so gut getan. Obwohl es der Roten Rakete kaum besser ergangen sein kann, hält sie zum Glück noch durch.

0o3a1784Langsam hangeln wir uns in die Big-Sur-Region hinauf. Sand Dollar Beach, eine goldene Bucht am Fuße von schroffen Klippen, macht uns ein paar Tage lang sehr sehr glücklich. Unter der Woche und wohl auch wegen der Waldbrände sind nur wenige andere Surfer dort. Die Wellen sind schnell, hohl und generell fantastisch. Als sie eines Tages sehr groß werden, paddle ich in einem mutigen Moment mit dem Longboard hinaus. Es ist die Geburtsstunde von Big-Wave-Longboard-Lotti.

Am nächsten Morgen ist der Strand verschwunden. Wir stehen auf der Klippe und gucken ins Nichts. Dicker Nebel hat es sich in der Bucht gemütlich gemacht. Man kann die Wellen brechen hören, sehen tut man sie aber nicht. Markus reicht das als Indikation. Er schnappt sich sein Brett und verschwindet im Nebel. Ich zögere und laufe unentschlossen am Wasserrand hin und her. Nach einer Weile löst sich eine Gestalt mit Surfbrett unterm Arm aus dem Nebel. Als ich ihr um den Hals fallen will, merke ich: Das ist nicht Markus. Es ist ein Mensch namens Brent. Mit einer Nachricht von Markus. Komm nicht raus, ich komm gleich rein. Brent hat draußen auf dem Wasser Markus’ Bekanntschaft gemacht. Er ist in Hochstimmung, weil er in der Nebelsuppe einen anderen Irren getroffen hat. Brent besingt die einzigartige Brüderschaft unter Surfern und lädt uns dann zu sich nach Santa Cruz ein.

0o3a2634-2Das trifft sich prima. Dort wollen wir nämlich eh hin, damit Markus eine Surfing-Doctors-Konferenz besuchen und beim Ohren-Guru Douglas Hetzler assistieren kann. Brent lebt   in einem wunderschön umgebauten Stall. Seine Ranch fühlt sich an wie eine Oase auf dem Land, ist aber nur zehn Fahrminuten von Santa Cruz entfernt. Wie kann man sich so ein Paradies mit Mitte vierzig leisten und Zeit haben zu surfen, wann immer man will? Indem man Wasserflaschen auf Festivals verkauft. Und dann den Frühruhestand genießt. Diese Kids auf Acid wollen nur eins: tanzen, die ganze Nacht tanzen, boah Durst, geil Wasser, weitertanzen, erzählt uns Brent flüsternd. Nebenan schlafen Tochter und Sohn.

Wir verlassen Santa Cruz inspiriert. Hungrig auf mehr nachahmenswerte Lebensentwürfe überfallen wir Mark Renneker, den Original-Surfdoc, in San Francisco. Als wir ihm von unserem Plan erzählen, Nordkalifornien zu besurfen, zückt er Stift und Papier und malt uns eine Schatzkarte. Darauf: die Wegbeschreibung zum Glück. Mark besitzt ein Stückchen Land in Mendocino County. Dort, am Rande einer abgeschiedenen Steilklippe, zwischen hüfthohem Gras und vom Wind ganz schief gepusteten Bäumen hat er mithilfe von Freunden über die Jahre ein Selbstversorgerhüttchen hingebaut.

0o3a2316-2Es ist unwesentlich größer als der Drachen und hat auch keinen Strom, kein fließend Wasser, keine Heizung. Dafür eine atemberaubende Aussicht und einen mit Feuer betriebenen Badezuber (wood fired hot tub). Außerdem perfekte Wellen vor der Haustüre. Die wir uns wahrscheinlich wieder mit Haien teilen. Aber mittlerweile bin ich geübt darin, den Gedanken weit weit weg zu schieben. Tagsüber frieren wir uns in in den eisigen Wassern des nordkalifornischen Pazifiks einen Ast. Nachts nehmen wir heiße Bäder im Holztrog und erzählen den Sternen über uns Geschichten. Hier könnten wir ewig bleiben.

Warum wir das nicht einfach tun, wissen wir auch nicht mehr so genau. Der Rückflug nach Europa ist zwar gebucht. Aber so eine Verpflichtung verpufft im hölzernen Badezuber zu heißem Dampf. Jedenfalls gehen wir noch ein paar Mammut-Bäume in Nordkalifornien umarmen. Dann ist es Zeit umzudrehen.

DCIM101GOPROWir reisen unseren eigenen Fußspuren gen Süden hinterher: Big Sur, Sand Dollar, Jalama. Um Südkalifornien mit seinen überfüllten Stränden und Millionen von Surfern machen wir einen großen Bogen und fahren direkt nach Arizona.

In Tucson quartieren wir uns bei meiner Gastschwester Heather und ihrem Mann Dustin ein. Haus und Garten nehmen wir für ein paar Tage als Hauptquartier in Beschlag für die Mission Umzug-aus-dem-Drachen-in-per-Flugzeug-transportierbare-Reisetaschen. Was  wir nicht nach Europa mitnehmen können (fast alles) und Heather und Dustin nicht haben wollen (alles), landet auf dem Wegwerfen-/Spenden-Stapel, in dem Töchterchen Everette  die tollsten Dinge findet (fast alles) und sehr zur Freude ihrer Eltern unbedingt behalten will.

0o3a3037Uns vom Drachen zu trennen, fällt uns unbeschreiblich schwer – obwohl er in der Familie bleibt. Wir schenken ihn meiner anderen Gastschwester Andrea und ihrem Freund Adam. Mit der bescheidenen Auflage, uns bitte stündlich Fotos zu schicken. Bei der Überschreibung des Fahrzeugscheins kommt heraus, dass wir die letzten Monate ohne Versicherung unterwegs waren. Wie praktisch, dass wir keinen Tesla in Kalifornien umgenietet haben.

Am Flughafen kommen wir uns ziemlich nackig vor. Uns fehlt der Dragon, die extra Surfbretter, die wir verkaufen mussten, die maßgeschneiderte Campingausrüstung. Und ragt nicht auch das Ende unseres Jahres mit der Rückkehr nach Europa dunkel in der Nähe auf? Mal sehen. Europa hat ja auch etwas Küste. Und wir noch sechs Wochen Zeit.

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