USA und Mexiko: weinende Smileys, flüchtige Promis, brennende Wälder

0o3a1185-3Nachdem wir einen kurzen Zwischenstopp in Neuseeland gemacht haben, um uns mal so richtig ausrauben zu lassen – das gehört bei so einer langen Reise einfach dazu – landen wir wieder dort, wo unsere Reise begonnen hat: in den USA. Ohne Kamera, ohne Kleider, ohne Neuseeland-Dollar. Aber die brauchen wir da eh nicht. Was wir brauchen, sind gute Freunde. Und die haben wir – zum Glück sogar vor Ort. In unserem geliebten Drachen holen Flo und Michi uns vom Flughafen in Los Angeles ab. Den Dragon haben sie zwei Wochen vorher nämlich von unserem Stellplatz inmitten von Meth-Labor-Trailern in der kalifornischen Wüste entführt. Hobbyautoknacker aufgetrieben, Tür aufgebrochen, Zweitschlüsselversteck ausgehoben, Roadtrip!

Die Freunde aus Freiburg nach einem Jahr wiederzusehen, ist fantastisch. Den Drachen nach vier Monaten wiederzusehen, ist unbeschreiblich. Wie kann man sich auf sechs Quadratmetern nur so zu Hause fühlen? Vor allem, wenn man sie sich mit vier Shortboards, zwei Longboards, zwei Campingstühlen, einem halben Tisch, einer mobilen Küche und ganzen sechs Büchern teilt? Das scheint auch vor allem uns so zu gehen. Michi erzählt, dass sie bei ihrem Trip durch den Südwesten der USA nachts schonmal Platzangstanfälle in unserem kuscheligen Sarg bekam.

golfgifIn San Clemente kaufen wir uns erstmal ein paar Klamotten an den Hintern. Seitdem unser Campingbus ausgeräumt wurde, laufe ich von oben bis unten in Markus eingekleidet herum. In Neuseeland geht das. In den USA falle ich so auf. Dann spielen wir auf Markus’ Wunsch eine Runde Golf und bleiben total cool, als uns im Motel diverse Surfprofis über den Weg laufen, die für den Trestles Pro Surfwettbewerb der World Surf League angereist sind.

Surfhelden hin oder her: Südkalifornien ist uns zu voll. Wir entführen Flo und Michi erstmal über die Grenze. Viva Mexico! Ist man jenseits der 30 zu alt für eine mit Süßigkeiten gefüllte Pappmaschee-Puppe? Quatsch mit Soße. Zusammen kloppen wir an Michis Geburtstag solange auf die piñata ein, bis Bonbons und Cayenne-Pfeffer-Lollis herauspurzeln. Die piñata ist ein gelber Smiley. Irgendwie ist es unglaublich therapeutisch, dem Grinsegesicht mal so richtig eine reinzuzimmern. Danach gibt’s Hummer und Margaritas. Wie schön in einem Alter zu sein, in dem wir uns aussuchen können, ob wir Kinder oder Erwachsene sind.

smileygifTagsüber lassen wir uns in den unversöhnlichen Wellen von La Fonda die Hintern versohlen. Aber wir wollen die Nord-Baja noch etwas weiter erkunden. Da leuchtet plötzlich die Motorlampe des Drachens auf. Obwohl wir Tuning Hinsberger dabei haben, trauen wir uns nicht mehr ins mörderische Allrad-Terrain der Wüste. Stattdessen suchen wir uns einen der vielen tüchtigen mexikanischen Automechaniker, die die schöne Eigenschaft haben, immer dann aus dem Boden zu sprießen, wenn man sie braucht. Der gute Mann sorgt dafür, dass das Lämpchen nicht mehr leuchtet und sagt uns den schönsten aller Sätze: No se préocupe. Bloß keine Sorgen. Und dann müssen wir auch schon wieder über die Grenze bei Tijuana, um Flo und Michi auf den Flieger nach Deutschland zu setzen.

Jetzt stehen wir vor einer schwierigen Entscheidung: Fahren wir wieder runter nach Mexiko, auf unsere geliebte Baja, oder nach Nordkalifornien, ins Ungewisse? Hitze versus Kälte, Kaltwasser versus Arschkaltes-Wasser, Wüste versus Redwoods, Bekanntes versus Unbekanntes, Tacos versus Hamburger, Kokain-Kartelle versus Marihuana-Farmer.

img_4974yachtUm diese wichtigen Fragen des Lebens in unseren Köpfen umherzuwälzen, ziehen wir für ein paar Tage auf die Yacht eines Freundes im Hafen von Newport Beach. Clubmitglieder und Freunde, die sich als Clubmitglieder ausgeben, kommen dort in den Genuss von Schwimmbad, Whirlpool, WLAN, Duschen und der wohligen Gewissheit, sich das alles mit einem Promi zum teilen. Angeblich ist Justin Bieber einer unserer Nachbarn. Doch der Biebs ist nirgendwo zu finden. Am Strand von Newport brechen ein paar unterhaltsame Wellen. Ansonsten sind wir vollends damit beschäftigt, die Annehmlichkeiten des Yachthafens auszukosten.

Als Kontrastprogramm und um unsere lebenswichtige Entscheidung noch etwas aufzuschieben, fahren wir nach Santa Barbara, um Gabriel zu besuchen. In G-Land, Indonesien, hatte er einen ohnmächtigen Surfer aus dem Wasser gezogen und dabei sein eigenes Leben riskiert. Gabriel ist Surfgott, Musiker, Pfeil-und-Bogen-Jäger, Überlebenskünstler, Guru und Eigenheimbesitzer in einer der begehrtesten communities in den Bergen bei Santa Barbara.  Wie das genau geht, verstehen wir auch nach unserem Besuch nicht so ganz. Es hat wohl etwas mit Karma und guter Energie zu tun, wenn man Gabriel fragt.

In einem sonnendurchfluteten Pinien-Wäldchen über dem Meer thront eine Handvoll Häuser, die zusammen ungefähr so viel wert sind wie das Bruttoinlandsprodukt von Liechtenstein. Der private Canyon unterhalb der Siedlung beherbergt einen Bach mit glasklarem Wasser. In die natürlichen Pools kann man von den Steilwänden der Schlucht aus hüpfen. Bathing suits are optional. Die Gemeinschaft in den Bergen hält viel auf ihre liberale Weltsicht. Dabei wohnen hier nicht nur zu Geld äh Karma gekommene Alt- und Neu-Hippies, sondern auch gewöhnliche Cabrio fahrende, Zigarren schmauchende Millionäre. Eine amerikanische Mischung eben. Einer von Gabriels engsten Freunden ist (auch eine Überraschung) Immobilienmakler. Als er mit einem Kunden die Siedlung der Glückseligen besucht, begleiten wir die beiden bei ihren Hausbesichtigungen. Die Terrassen mit Meeresblick und die Kaminzimmer mit Elchskopf an der Wand imponieren uns. Fast so sehr wie die Preise auf den durchgestylten Info-Flyern des Maklers.

Gabriel ist einer der besten Surfer, die wir kennen. Als er uns beim Abschied vertrauenswürdig die Hände auflegt und sagt, geht nach Jalama, gehen wir nach Jalama. Zwei Stunden nördlich von Santa Barbara, am Ende einer staubigen Straße durch durstige Berglandschaften, finden wir einen State Campground mitten am Strand, einen kauzigen Country Store mit genau einer Playlist und einsame glasklar geformte Wellen.

Jeden Morgen wandern wir den Strand hinunter zu einem peak, den wir nicht selten für uns alleine haben. Zumindest hoffen wir das. Jalama liegt im sogenannten „roten Dreieck“. Gabriel hat uns vor Weißen Haien gewarnt. Aber er hat auch gesagt, dass Haie kein kelp, den kalifornischen Algenwald, mögen. Und davon gibt es in Jalama genug. Zumindest bete ich mir das immer wieder vor, wenn das Kelp neben mir raschelt und eine Robbe den Kopf aus dem Wasser steckt.

Die Nachmittage verbringen wir lesend und schreibend im Mini-Café vom Country Store. Abends kochen wir über dem Lagerfeuer und summen die Country Songs, die wir dank unserer Besuche im Laden mittlerweile auswendig können. Über uns funkelt der Sternenhimmel. Keine Stadt in der Nähe kann ihn trüben. Sind wir wirklich noch in Kalifornien?

Ein paar Mal wird der Campingplatz evakuiert, weil die Vandenberg Air Force Base eine Rakete über unsere Köpfe hinweg ins All schicken will, was aber nie passiert, da in unmittelbarer Nähe Waldbrände ausbrechen. Dafür wird der Campingplatz dann übrigens nicht evakuiert. Nachts können wir zusehen, wie die Flammen immer näher kommen. Als der Wind dreht und wir eines Tages im Ascheregen aufwachen, ist es Zeit weiterzuziehen. Vor Jalama hätten wir nie gedacht, dass es so magische Orte mit dermaßen guten Wellen ohne andere Surfer in Kalifornien gibt. Wir wollen mehr. Die Entscheidung ist gefallen: Northern California it is.

 

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