Western Australia: This Must Be the Place

Australien und Mexiko hängen für uns irgendwie zusammen. Während unseres letzten Surf- und Reisejahres 2013 hatten wir ein australisches Paar in Mexiko kennengelernt. Drei Monate lang hatten wir mit Cam und Sophie jede Minute verbracht. Im Dunkeln sind wir zusammen für die erste Surfsession des Tages aufgestanden, wir haben gemeinsam neue Spots entdeckt, aufdringliche Schlangen in die Flucht geschlagen, es mit Vogelspinnen aufgenommen und ein gemeinsames Auto im Monsunregen verloren. So etwas schweißt zusammen. Wir können es kaum erwarten, unsere Freunde wiederzusehen.

Am Flughafen in Perth brechen wir in einen tiefergelegten Pickup ein, schmeißen unsere Surfbretter auf die Ladefläche und fahren mit quietschenden Reifen davon. Das Ganze kommt uns ziemlich mexikanisch vor. In Wirklichkeit ist es aber eine Mitfahrgelegenheit auf australisch. Sophie hatte über Facebook einen Mann gefunden, der Auto inklusive Schlüssel immer am Flughafen lässt, wenn er zum Schichtdienst in die Eisenerz-Minen im Norden des Landes fliegt, in der Hoffnung, dass irgendwer das Auto zurück nach Margaret River fährt und ihm so die Langzeitparkgebühren spart. Machen wir doch gerne. Während wir über die leeren Straßen der wilden Westküste brettern, macht sich ein warmes Gefühl in uns breit: Ein Land, in dem die Menschen derart entspannt mit ihrem Eigentum umgehen, muss uns einfach gefallen.

In Margaret River angekommen, quartieren uns unsere Freunde im Büro der Mutter ein.  Die alte Vertrautheit ist sofort wieder da. Wir finden heraus, dass Markus und Cam die gleichen Alte-Herren-Schlüpper tragen, dass Sophie und ich sie tatsächlich kein Stück heiß finden und dass es wirklich Spaß machen kann, im Erwachsenenalter bei Muddi zu wohnen. Es ist Winter in Westaustralien. Wir kuscheln uns oft im Wohnzimmer zusammen, trinken Tee und erzählen einander Geschichten. Abends spielen wir „Cards against Humanity“ und trinken Wein.

Während Cam ungefähr 12 Stunden am Tag auf Baustellen herumhüpft, bereiten wir unser nächstes gemeinsames Surfabenteuer vor. Wir wollen in den Norden der Westküste fahren, wo Outback auf Ozean trifft, wo sagenumwobene Wellen brechen und wo immer Sommer ist. Sophie besorgt die Überlebensausrüstung: Swags, sargähnliche Zwei-Mann-Zelte mit eingenähter Matratze und Moskitonetz. Köder zum Fischen. Und Bier für Cam. Wir machen uns derweil auf die Suche nach Surfhelmen. Dort, wo wir hinfahren, ist das Riff ungefähr so scharf wie in G-land. Außerdem will Markus sich eine Gun kaufen, ein Brett für große Wellen. In der Nachbarschaft bietet ein Mann seine gesamte Surfausrüstung zum Verkauf an. Als wir nach dem Grund fragen, sagt er nur, die Haie hätten ihm den Spaß am Surfen verdorben. West-Australien ist eine der Regionen mit den meisten Haiattacken weltweit. Aber Cam, der vor einigen Jahren beim Surfen einen tödlichen Angriff hautnah miterlebt hat, winkt ab. Im Norden seien Attacken kein Thema. Gibt es da denn keine Haie, frage ich hoffnungsvoll. Doch. Mehr sogar als im Süden. Aber die hätten genug anderes zu essen. „Just don’t think about it.“ Schluck.

Endlich sind die Vorbereitungen abgeschlossen. Unser Roadtrip ins australische Outback beginnt. Er dauert genau eine Minute. Dann zieht uns die Polizei aus dem Verkehr und lässt Markus erstmal ins Röhrchen pusten. Cam und Sophie, die in seinem Arbeitstruck unsere kleine Karawane anführen, machen Fotos und freuen sich, dass ausnahmsweise mal nicht sie es sind, die in Cams Proll-Karre in eine Kontrolle kommen.

Dann geht es geradeaus, immer geradeaus, etwa 1200 Kilometer lang geradeaus. Auf der gesamten Strecke kommen uns gefühlt fünf Autos entgegen. Die Straße gehört uns. Wir gehören der Straße. Im Radio nur Stille. Am Straßenrand machen sich lebensmüde Kängurus bereit, vor unsere Autos zu hüpfen. Cam und Sophie bahnen uns mit ihrem Vierrad-Truck ohne Vierradantrieb den Weg. Schilder weisen uns darauf hin, dass es die nächsten 453 Kilometer weder Wasser noch Benzin gibt. Wir machen Pippipausen mitten auf der Straße. Der Sternenhimmel über uns ist atemberaubend.

Plötzlich beginnt das Radio zu knistern. Erst fetzenweise, dann immer klarer empfangen wir etwas, das sich wie australische Country-Musik anhört. Wir sind in den Orbit von Triple 6 geraten, dem einzigen Radio-Sender weit und breit. Seine „Classic Hits“ werden handverlesen in einem Außenposten der Zivilisation oder einer ziemlich guten Imitation davon. Canarvon ist der letzte Stopp vorm Nichts. Wir kaufen Essens- und Wasservorräte für die nächsten zwei Wochen. Dann gehts ins Outback. Der unverwechselbare Sound von Triple 6 begleitet uns bis zum Meer.

Dort betreiben Sophies Tante und Onkel eine Station. Das heißt: Ein paar Mal im Jahr jagen sie mit Motorrädern und Helikoptern Tausende von Schafen zum Scheren zusammen. Ansonsten wohnen sie am schönsten Ort der Welt und vermieten einfache Unterstände an Camper.

Das Meer ist türkisblau. Die Klippen feuerrot. Buckelwale spielen in der Bucht mit ihren Jungen. Immer mal wieder hüpfen ein paar Kängurus am Strand vorbei. Und von der Landspitze bricht eine wahnwitzige linke Welle. Wir sind so glücklich, wie man nur sein kann.

Die Tage im Outback vergehen wie im Flug: Morgens surfen, dann Frühstücksstreit  auskämpfen (vegetarischer Haferschleim versus Eier mit Speck), danach angeln/speerfischen/schnorcheln/lesen, wieder surfen, flammend roten Sonnenuntergang bestaunen, Lagerfeuer machen, Bier/Wein trinken, in die Swags kuscheln, selig einschlummern.

Die Welle vor unserer Haustür ist kein Scherz. Sie bricht in flachem Wasser über scharfem Riff – direkt auf trockenes Riff zu. Um ins Line-up zu gelangen, muss man von diesem Riff hinunter ins Wasser springen. Der Weg zurück an Land ist wesentlich schwerer und involviert ein dubioses „Keyhole“, Surfersprech für „einzigen Ausgang“. Das Ganze ist vergleichbar mit einem Schwimmbadbecken. Abgesehen davon, dass der Beckenrand, den man hier erklettern muss, höher ist und dass es kein Leiterchen gibt, dafür aber konstanten Wellengang, der nur darauf wartet, Surfer gegen die Riffmauer zu klatschen. Selbst kleine Tage sind eine Herausforderung. Und in West-Australien gibt es eigentlich keine kleinen Tage. Als ein wirklich großer Swell kommt, rücken einige australische Profi-Surfer an. Markus und Cam wagen sich auch ins Wasser. Cam verspricht mir, Markus vorm Ertrinken zu retten. Sophie hält mich davon ab, an Land Suchtrupps zu mobilisieren. West-Australien produziert an diesem Tag die größten Wellen, die wir jemals mit eigenen Augen gesehen haben.

Cam bemüht sich redlich, ein paar der unzähligen lebensgefährlichen Tierchen für uns aufzustöbern, die Australien so zu bieten hat. Monatelang hat er sich schon darauf gefreut, mir eine Redback-Spinne auf die Schulter oder eine blaugeringelte Krake aufs Surfbrett zu setzen. Beide sind natürlich klein, gemein und absurd tödlich. West-Australien geizt kein bisschen mit seinen Tieren: Außer Walen sehen wir beim Surfen Meeresschildkröten und Delfine. Eines Morgens beobachten wir, wie dreieckige Finnen nur wenige Meter vom Ufer entfernt ihre Kreise ziehen. Haie? Zu Cams Enttäuschung stellen sich die vermeintlichen Haiflossen als Flügelspitzen von Riesenmantas heraus. Wir schnappen sofort unsere Schnorchelmasken. Cam ist frustriert. Schließlich sperrt er Sophie und mich einmal im Truck ein und schmeißt eine Krabbe durchs Fenster. Besser als nichts.

Wir könnten ewig im Outback bleiben. Aber Cam muss irgendwann zurück zu seinen Baustellen. Wir hängen noch ein paar Tage in Margaret River herum. Es fällt uns schwer, unsere lieben Reise-Gefährten zu verlassen. Schließlich geben wir uns einen Ruck und ziehen weiter an die Ostküste.

 

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