USA: von Musen, Big-Wave-Ärzten und Autoknackern

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W-Lan! Frozen Yoghurt! Pizza! Die Annehmlichkeiten eines reichen Industrielandes können uns für ein paar Tage begeistern. Dann setzt die Reizüberflutung ein und wir weigern uns, den Garten meiner Gastfamilie in Tucson, Arizona, zu verlassen. Mein Gastvater Alan hat der Wüste mit Liebe und Wasser eine Oase abgetrotzt. Die Gemüsebeete quellen über, die Obstbäume sind üppig behangen. Nachmittags versammelt sich die Großfamilie am Pool. Abends gibt es Artischocken aus dem Garten. Der Mai in Tucson ist heiß. Auf einem Sommerfest dominiert eine hochschwangere Heather die  Tanzfläche. Nicole überredet mich dazu, für ein Fotoprojekt eine griechische Muse / Schicksalsgöttin zu sein. Andrea spendiert uns auf dem Wochenmarkt lokal gebrautes Hipster-Bier. Wir verwandeln den Garten in eine Surfboard-Reparatur-Werkstatt und verpassen unseren Longboards eine überfällige Kur. Wir besuchen Joe, unseren Mann des Vertrauens in Sachen amerikanische Autos. Joe ist überglücklich, dass der von ihm ausgesuchte Drache uns ohne zu Mucken quer durch Mexiko und zurück getragen hat. Und seine Arbeit ist noch nicht getan. Wir spendieren dem Dragon einen Ölwechsel (nur das Beste für unseren José), dann ist es höchste Zeit, wieder ans Meer zu kommen.

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In San Clemente surfen wir Trestles mit hunderten von Leuten und einem Schwarm Delfinen. In Newport Beach überlassen wir The Wedge den Bodysurfern und ihrem masochistischen Spiel. In San Francisco geben wir uns den Launen von Ocean Beach hin. Markus’ Vorbild, der Original-Surfdoktor Mark Renneker, lässt uns in seinem Surf Shack direkt am Strand wohnen. Mark ist Big-Wave-Surfer und Arzt. In dieser Reihenfolge. Seine Sprechstunden richten sich danach, wann Wellen und Wind günstig sind. Und wenn ein besonders großer Winterswell an der kalifornischen Küste erwartet wird, sagt seine Assistentin auch mal alle Termine ab, damit der Doc in Mavericks haushohe Wellen surfen kann. Seine Surfbretter sind rot. So kann er sie besser sehen, wenn ein Riesenbrecher die Leash zerreißt. Wir wohnen zwischen hundert roten Brettern. Jeden Tag schnappen wir uns ein anderes und versuchen in Ocean Beach unser Glück. Die Bedingungen sind katastrophal – verblasen, von heimtückischen Strömungen durchzogen, eiskalt, ungeordnet, unvorhersehbar. Unsurfbar? Nein. Mark sagt zwar: Das ist die Zeit im Jahr, in der ich endlich mal was geschafft kriege. Trotzdem geht er so ziemlich jeden Tag surfen. Und wir kommen mit. Wir wollen ja eine Reportage über ihn schreiben. Wenn man auf einem Buckel im Wasser herumrutschen kann, wenn man auf seinem Surfboard aufstehen und ein paar Meter gleiten kann, dann sind die Bedingungen surfbar, findet Mark. Surfen ist für ihn eine Lebenseinstellung.

Zum Glück sind wir nicht nur nach San Francisco gekommen, um Ocean Beach zu surfen. Wir sind auch nach San Francisco gekommen, um uns von den Magic Twins aus einem Flugzeug schubsen zu lassen. Caleb und Chris kennen wir von der Baja California. Schon in Mexiko hatte Chris, der immer mehr ins Skydiven einsteigt, von der günstigsten Absprung-Basis der Welt erzählt. Für andere vielleicht ein Argument gegen das Unternehmen. Für uns ein klares Plus. Ein Mini-Flugzeug bringt uns hoch in die Luft, unsere Tandempartner versetzen uns freundlich aber bestimmt einen Schubs durch die offene Tür, wir fallen und fallen und fallen, schnappen nach Luft, johlen, es gibt einen Ruck, der Schirm geht auf, jetzt gleiten wird, die Landung ist sanft. Erst jetzt beichten uns die Zwillinge, dass vor zwei Tagen ein Flugzeug der Schule abgestürzt ist.

IMG_2943 KopieDie Wellen in Ocean Beach sind eine dermaßen traurige Angelegenheit, dass wir uns am helllichten Tag betrinken und mit tausenden von Menschen halbnackt durch die Stadt rennen. Bay to Breakers heißt der Spaßmarathon durch San Francisco – und ist natürlich ein jährliches Highlight für unsere Zwillinge und ihre Freunde. An den Kostümen wird schon monatelang im Voraus gebastelt. Gut, dass man in Surfsmurf-Kutten nie underdressed ist.

Schließlich müssen wir San Francisco und den Komfort unseres Surf Shacks verlassen. In Santa Cruz besuchen wir den Leonardo da Vinci der Ohrchirurgie, der uns prompt einlädt, die Nacht in seinem Palast zu verbringen. Die windgeschützte Bucht von Steamer Lane füttert uns Ausgehungerte ein paar zufriedenstellende Wellen. Jetzt können wir die Küste ruhigen Gewissens für ein paar Tage verlassen. Der Drachen trägt uns nach Osten, bei Freunden in Stanford und Mountain View vorbei, zum Yosemite-National-Park.

Wir finden es wunderbar, wieder im Auto zu schlafen und zu campen. Und in den Bergen zu sein! Wie lange waren wir eigentlich nicht mehr wandern? Die Wasserfälle sind gewaltig, die Schluchten tief, die Ausblicke atemberaubend. Als wir noch zwei Bären an einem Tag zu Gesicht bekommen, nehmen wir uns vor, das Meer öfter mal zu verlassen.

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Es ist an der Zeit, uns für ein paar Monate vom Drachen zu verabschieden. Verkaufen wollen wir ihn noch nicht. Wir haben noch viel mit ihm vor. In einem trostlosen Städtchen mitten in der kalifornischen Wüste mieten wir einen Stellplatz. Zwischen Meth-Laboren und wiedergeborenen Christen wiegen wir den Dragon in seinen Sommerschlaf. Im September werden wir ihn aufwecken. Der Abschied ist emotional. So emotional, dass wir zum ersten Mal in fünf Monaten den Schlüssel einschließen. Verdammt.  Einen derart alten Schlitten wie den Drachen können wir doch locker knacken?! Unzählige Youtube-Videos und Kleiderbügel später kapitulieren wir und bitten den Abschleppdienst nebenan um Hilfe. Der Automensch hat die Tür in fünf Minuten geöffnet. Mit so einem aufblasbaren Kissen zwischen dem Türrahmen kann das ja jeder. Wir werfen unserem Dragon einen letzten liebevollen Blick zu. Dann machen wir uns auf zum Flughafen.

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