Fear and Loathing in Pascuales

Pascuales ist einer der gefährlichsten Beachbreaks der Welt. Die Wellen brechen nicht, sie explodieren. Hohl, aggressiv, vernichtend. Wer sich zur falschen Zeit am falschen Ort befindet, wird von der Welle auf den Meeresboden genagelt – und nicht so bald wieder losgelassen. Die Welle bricht in hüfthohem Wasser.  Darunter hindurch zu tauchen ist keine Option. Es gibt kein Entrinnen. Jeden Tag vernichtet Pascuales Surfbretter. Jeden zweiten ihre Besitzer. Pascuales bricht immer. Pascuales bricht nie klein. Nur nach oben hin gibt es scheinbar keine Grenze. Wenn ein großer Swell im Anmarsch ist, kämpfen Pascuales und Puerto Escondido um die Krone der gemeinsten Monsterwelle.

Auf so ein Ziel kann man sich nur freuen. Schon auf der Fahrt dorthin kriege ich Schnappatmung. Markus, der kleine Masochist, grinst von Ohr zu Ohr.

Doch dann geschieht ein Wunder: Pascuales und ich werden Freunde. Der halsbrecherische Drop eine steile Glasfassade hinab erfüllt mich unerwarteterweise mit Glück und nicht mit Panik. Die Atmosphäre im Line-up ist einzigartig. Schafft es jemand aus der Tube heraus, wird laut gejohlt. Fällt jemand dem Tubemonster zum Opfer, wird mitfühlend gestöhnt. Das bleibt uns zunächst erspart. Aber gleich am ersten Tag ernten wir jeweils einen kollektiven Jubel. Pascuales macht uns sehr froh.

Da kann man auch mal über ein paar Schauergestalten an Land hinwegsehen. So ein Ort wie Pascuales zieht einen bestimmten Schlag Menschen an. Den zwielichtigen Schlag. Einer der Surfbord-Reparateure, den so eine Welle selbstverständlich produziert, hat eine üble Wunde am Arm. Ein Surfunfall im Wasser mit den Finnen? Nein, sein Kollege im Drogenrausch mit einem Messer. Über unseren Gastgeber kursieren einige Kartell-Gerüchte. Je abgründiger sie sind, desto glaubhafter finden wir sie. Der Don hat seinen Laden fest im Griff. Er lässt eine Reihe verlorener Jungs auf seinem Grundstück abhängen, die ihm alle irgendwie hörig zu sein scheinen. Meistens sind sie zwar zugedröhnt, harken aber trotzdem brav den Sand im Hinterhof oder wässern die staubige Erde, übrigens eine Lieblingsbeschäftigung vieler Mexikaner. Auf einer Hängematte vor unserem Zimmer nächtigt regelmäßig der lokale Irre und raucht sein Meth-Pfeifchen. Pascuales ist definitiv kein Ort zum Wohlfühlen. Aber die Welle…

DSC04398-3Auch die zeigt eines Morgens ihr wahres Gesicht und gibt sich alle Mühe, mich zu ertränken. Ich lande in einer Strömung und werde den Strand entlanggezogen, immer schön genau in der Zone, wo die Wellen brechen. Hunderte Meter weiter unten spukt mich Pascuales erschöpft und mit Salzwasser angereichert schließlich auf den Strand. Markus hatte sich schon auf die Suche gemacht, als ich nach meiner letzten Welle nicht wieder im Line-up erschienen war. Aber Pascuales hatte mich schon außer Sichtweite gerissen.

Als sich ein großer Swell abzeichnet, sind wir erleichtert. Also, vor allem ich. Jetzt müssen wir Pascuales verlassen. Das Meer hat uns die Entscheidung abgenommen. Danke, Meer.


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