Baja Tales: In einem Land vor unserer Zeit

DSC03123-1Kein Handyempfang. Kein Strom. Keine Stadt weit und breit. Nur Wüste und Ozean. Und doch sind die Seven Sisters auf der Baja California nicht völlig verlassen. Die Surfbreaks ziehen einige wenige Menschen an.

Und die lernt man unweigerlich kennen. Gespräche mit anderen Menschen sind die einzige Form der Kommunikation, die es in diesem Teil der Baja gibt. So findet man jemanden, der einem das kaputte Surfbrett flickt. So lässt man die Welt wissen, dass man gerne ein zweites Longboard kaufen würde. So kauft man ein Longboard, weil jemand von jemandem gehört hat, dass jemand eins sucht. So bekommt man Starthilfe für die Autobatterie. So ergattert man etwas Strom für die Kopflampen von jemandem mit Solarpaneelen auf dem Autodach. So ertauscht man sich eine Yogamatte. So kriegt man frisches Gemüse von Surfern geschenkt, die zurück nach Hause fahren. So erfeilscht man sich eine Harpune, mit der man dann lauter unschuldige Fische fängt, die man wiederum gegen Feuerholz tauschen kann. Reden ist die Lösung für alles auf der Baja.

Kommen neue Surfer in dem Land vor unserer Zeit an, schlendern alle Alteingesessenen im Laufe des Tages mal vorbei, um betont nebensächlich nach der neusten Surfvorhersage und dem Wetterbericht zu fragen. Selbst an abgelegenen Spots treffen wir meist ein paar Menschen. Sehr spezielle Menschen.

We are not alone

Da ist Robert, der alte Keramik-Lehrer, der aussieht wie Leslie Nielsen und sich jeden Tag jedem in der Bucht aufs Neue vorstellt.

Da ist Jeremy, der an der Nachbarschule in derselben Straße unterrichtet und darunter leidet, dass Robert sich trotz zehn Jahren voller erster Begegnungen nicht an ihn erinnert.

Da ist Gary, der nach einer Weltreise nicht so recht in die USA zurückkehren möchte und das Unausweichliche mit Wachstum und Pflege eines Bandido-Barts bekämpft.

One week later: desert clean-up

Da sind Liana und Nate, die sich im Internet kennengelernt haben, wie Liana und Gary vor einigen Jahren übrigens auch, woran sich aber keiner von beiden so richtig erinnern mag.

Da ist Sanders, der mal auf der Baja hängengeblieben ist, weil der Pazifik ihm 60 Kilo Marihuana in die Arme geschwemmt hat und er davon ganz angenehm leben konnte.

Da ist der Profi-Surfer aus Australien, der auf dem Wüstenklo Dämonen exorzieren geht.

Da ist die Surffilm-Crew aus Kalifornien, die zwar eine Reihe an Hipster-Outfits aber nur eine Gabel für vier Menschen mitgebracht hat.

Und da ist Rapha. Rapha ist ein neuer Mensch, seit er im Esalen-Institut am Big Sur erleuchtet wurde. Der Franzose ist so begeisterungsfähig, dass er selbst einem Atomunfall mit Weltuntergangsnebeneffekt etwas Gutes abgewinnen könnte. Rapha ist ein digitaler Nomade. Oder will einer werden. Jedenfalls will er nicht mehr arbeiten, seine Hypothek abbezahlen und in Paris leben. Er will reisen, Yoga machen und meditieren. Und er will, dass alle anderen das auch so machen. Rapha hat eine Mission.

Sein Besuch in der Bucht ist kurz und heftig. Im Line-up singt er ein Loblied auf die Vögel, das Meer, den Sonnenuntergang. Am Abend schreibt er vier Gedichte. Am Morgen erklimmt er die höchste Düne der Bucht und macht Yoga. Als die resolute Rosa, der das Land gehört, auf dem die Surfer campen, Geld von ihm eintreiben will, meditiert er sie einfach weg. Seinen Nachbarn mixt er einen Frucht-Shake und doziert über gute Ernährung. Dann muss er los. Am anderen Ende von Mexiko erwartet ihn seine Freundin. Weder die Launen eines VW T3-Busses noch 2700 Kilometer Strecke sollen einen French Lover davon abhalten, seine Liebste am Flughafen abzuholen, meint Rapha.

Sein Abschied dauert länger als sein Besuch. Noch Tage nach seiner Abfahrt reden tätowierte Surf-Kerrels von den „man hugs“, den Männerumarmungen, die Rapha jedem gegeben hat.

Selbst an abgelegenen Spots treffen wir meist ein paar Menschen. Sehr spezielle Menschen.

 


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