Von Monster Trucks und Mandalas

DSC09660-3

Wir brauchen einen Monster Truck. Wer die Baja California hinabreisen und die abgelegensten Spots surfen will, braucht ein starkes angsteinflößendes vierradangetriebenes Gefährt. Seit wir in den USA gelandet sind, scheint so ziemlich jedes Auto diesen Kriterien zu entsprechen. An den Ampeln bestaunen wir Trucks mit mannshohen Reifen und Pickups mit Ladeflächen, auf denen eine ganze Kuhherde gemütlich Platz findet.Genau so ein Biest brauchen wir.

Jetzt ist aber erstmal Weihnachen. Da findet in Tucson, Arizona, die alljährliche Ginger Bread Challenge von Lottis Gastfamilie statt. Die Zutaten: Ranzige Lebkuchen und abgelaufenen Süßigkeiten. Das Ziel: In Zucker erstarrte Kunst. Die Kriterien der Jury: willkürlich. Wir kleistern uns mit Zuckerpampe und Keksen unseren Traum-Monster-Truck zusammen.Bis wir seinen großen Bruder aus Metall finden, muss der Kleine aus Lebkuchen herhalten. Unsere gewagte Schwebe-Konstruktion auf Coladosen-Reifen überzeugt auch die Jury. Deutsche Ingenieurkunst, bei deren Anblick jedem deutschen Ingenieur die (schütteren) Haare zu Berge stehen würden.

DSC09472

„You’ve come to the right place“, sagt Alan, Lottis Gastvater. Tucson, Arizona, ist Truck City. Aber die Voelkel family besitzt nur antike VW-Busse, von amerikanischen Monster Trucks hat sie keine Ahnung. Gut, dass Dustin uns an seinen Kollegen Joe verweist. Joe liebt amerikanische Autos.

Jedesmal, wenn wir ihm ein bei Craigslist inseriertes Biest zur Inspektion vorbeibringen, haben wir das Gefühl, ihm ebenso einen Gefallen zu tun wie er uns. Joe klettert unter die Motorhaube, schnüffelt am Öl, goutiert ein bisschen Bremsflüssigkeit, robbt sich unters Auto, klopft hier und schraubt da etwas herum.

DSC09631
Joe is the man

Schon beim zweiten Auto sagt er zu unserer Freude: Der ist gut. Seine Wahl fällt auf einen 1994 Chevrolet Suburban 1500 Silverado mit Vierradantrieb, einem 100-Liter-Tank und bissigen Offroad-Reifen. Dass die Windschutzscheibe ein Netz von Rissen überzieht und der Tacho 200.000 Miles anzeigt: zu vernachlässigen, findet Joe. „This is a tank“, sagt er. „This car will bring you safely to Mexico and back.“ Und wenn Joe das sagt, stimmt das. Amen.

Wenig später gehört der Tanker uns und wird auf den Spanglischen Namen Jose getauft. Für seinen kleinen Bruder aus Lebkuchen bedeutet das der Tod. Er landet im Müll.

Tucson ist nicht nur der richtige Ort, um einen Truck zu kaufen. Tucson ist auch der perfekte Ort, um einen Truck zum Wohnmobil auszubauen. Alan hat ein Gartenhaus, das unwesentlich kleiner ist als das richtige Wohnhaus der Familie. Und es is bis an den Rand gefüllt mit Tools, industriellen Sägen, Schleif- und Lötmaschinen. Der Traum eines jeden Autoausbauers. Alans Augen glänzen, als er und Markus den Ausbau von Jose besprechen. Die Voelkels lieben projects.

DSC09550

Während Gastschwester Nicole ein Schaukelpferd in ein Schaukeleinhorn für ihre Nichte verwandelt, Alan in seinem Metall-Workshop Weihnachtsgeschenke für seine Töchter zusammenschweisst, Markus Regale und ein Bett in unseren Monster Truck baut, näht Lotti aus alten Handtüchern Surfkutten und schnackt mit ihren Gastschwestern Heather und Andrea.

Und dann springt Jose nicht mehr an. Die von Chevy-Guru Joe gelobte Super-Batterie ist leer. Aber Alan zaubert natürlich ein Ladegerät aus seinem Gartenhaus hervor. Noch so ein Schreckensmoment: als wir uns ausrechnen, dass 200.000 Miles auf dem Tacho ja tatsächlich 320.000 Kilometer sind. I wouldn’t worry about it, sagt Joe. Und so machen wir das auch.

Schließlich ist es vollbracht: Die Transformation unseres Chevys in ein Surf-Wohnmobil-Offroad-Biest ist abgeschlossen. Zimmermann Markus ist stolz wie Oskar. Die Campingausrüstung ist dank etlicher Beutezüge durch Tucsons Second-Hand-Läden mehr oder minder komplett . Eine Matratze ist custom made auf unser Bett im Chevy angepasst. Fehlt nur noch der richtige Anstrich. Nicole darf sich auf dem für die Gegend typischen Lackschaden mit dem Namen Arizona Sunburn austoben. Die ausgeblichenen Stellen auf Motorhaube, Dach und Kofferraum verziert sie mit goldener Farbe und Mandala-Schablonen.

Die Voelkels zu verlassen, fällt uns verdammt schwer. Im Kamin brennt immer ein Feuer, im Garten stehen Orangenbäume und mindestens ein liebenswerter Mensch sitzt dank der Open-House-Politik der Familie stets im Wohnzimmer herum und spielt Gitarre. Wenn Tucson am Meer läge, würden wir geich da bleiben.

Advertisements

One thought on “Von Monster Trucks und Mandalas

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s